Anlässlich der 4. Mitgliederversammlung des Swiss FS-CSC sprach Prof. Dr. Verena Zimmermann, Assistenzprofessorin am Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften an der ETH Zürich, über die Herausforderungen und Chancen von Quantentechnologien für die Cybersicherheit. Ihre zentrale Botschaft: Der Weg zu einer Quantum-sicheren Zukunft ist nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine organisatorische und menschliche Aufgabe.
Frau Zimmermann, warum sollten sich Finanzinstitute heute bereits mit Quantentechnologien beschäftigen?
Quantentechnologien bieten enormes Potenzial – etwa für Simulationen, Datenanalysen oder neue Formen der Verschlüsselung. Gleichzeitig stellen sie jedoch bestehende kryptografische Verfahren infrage. Leistungsfähige Quantencomputer könnten künftig einen Teil der heute eingesetzten Verschlüsselung brechen. Deshalb müssen Organisationen bereits heute damit beginnen, ihre Systeme auf eine Quantum-sichere Zukunft vorzubereiten.
Oft wird Quantum vor allem als Technologie-Thema diskutiert. Sie sehen das breiter. Weshalb?
Weil die eigentlichen Herausforderungen häufig nicht technischer Natur sind. Unsere Forschung zeigt, dass Themen wie Governance, Ausbildung, Zusammenarbeit und Kommunikation entscheidend sind. Quantentechnologien betreffen nicht nur IT-Abteilungen. Sie erfordern neue Kompetenzen und informierte Entscheidungen auf Management- und Regulierungsebene.
Welche Handlungsfelder stehen dabei im Vordergrund?
In einer Interviewstudie mit Quantum-Expertinnen und -Experten sowie der Analyse nationaler Quantum-Strategien haben sich vier zentrale Handlungsfelder herauskristallisiert: 1. Innovation, Forschung und Entwicklung, 2. Infrastruktur- und Personalentwicklung, 3. Security & Safety sowie 4. Kollaboration, Inklusion und Diversität. Nachhaltige Quantum-Strategien müssen all diese Bereiche berücksichtigen.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den Finanzsektor?
Eine zentrale Herausforderung ist die Migration zu quantensicheren Systemen. Viele Organisationen haben keinen Überblick über die kryptografischen Protokolle, die in ihren Anwendungen eingesetzt werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr sogenannter «Store now, decrypt later»-Angriffe, bei denen Daten bereits heute abgegriffen und zu einem späteren Zeitpunkt entschlüsselt werden könnten. Deshalb sind Krypto-Agilität und eine frühzeitige Planung der Migration von grosser Bedeutung.
Sie haben auch Wissenslücken bei Entscheidungsträgern angesprochen. Warum ist das problematisch?
Weil technologische Transformationen nicht allein von Spezialistinnen und Spezialisten gesteuert werden. Führungskräfte, Verwaltungsräte und Regulatoren treffen strategische Entscheidungen über Investitionen, Prioritäten und Risiken. Wenn das notwendige Verständnis fehlt, können wichtige Entwicklungen unterschätzt oder zu spät adressiert werden. Deshalb sind Aus- und Weiterbildung ein zentraler Bestandteil der Quantum-Readiness.
Ein wichtiger Teil Ihres Vortrags war der «Faktor Mensch». Weshalb spielt dieser eine so grosse Rolle?
In der Cybersicherheit wurde lange vom Menschen als «schwächstem Glied» gesprochen. Diese Sichtweise greift zu kurz. Menschen verursachen nicht einfach Risiken – sie können genauso Sicherheit und Resilienz aktiv stärken. Entscheidend ist, dass Organisationen die richtigen Rahmenbedingungen dafür schaffen: verständliche Prozesse, geeignete Technologien, klare Kommunikation und eine Kultur, die sicheres Verhalten unterstützt.
Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Statt ausschliesslich auf Fehlervermeidung zu fokussieren, sollten Organisationen Mitarbeitende befähigen, motivieren und unterstützen. Sicherheitsverhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Es wird durch Wissen, Kompetenzen, verfügbare Ressourcen, Führung, Feedback und Organisationswerte beeinflusst. Cyber-Resilienz ist deshalb immer auch eine Führungsaufgabe.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Mitglieder des Swiss FS-CSC?
Quantum-Sicherheit betrifft nicht nur Technologie. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Menschen, Organisationen und Technologien. Wer Quantum als reine IT-Frage betrachtet, greift zu kurz. Erfolgreich werden jene Organisationen sein, die technologische Innovation ganzheitlich und im soziotechnischen Kontext betrachten, das heisst die Organisationskultur, Prozesse und den Faktor Mensch berücksichtigen. Der Faktor Mensch umfasst dabei nicht nur Endnutzerinnen und Endnutzer, sondern alle Beteiligten – von Regulatoren über Führungskräfte bis hin zu Mitarbeitenden.
Zum Schluss: Welche Denkhaltung sollten Finanzinstitute mitnehmen?
Der Wechsel sollte wegführen von einer reinen Risikoperspektive hin zu einer Resilienzperspektive. Statt Menschen primär als Fehlerquelle zu betrachten, sollten Organisationen fragen: Wie können wir sicheres Verhalten ermöglichen, befähigen und motivieren? Genau darin liegt aus meiner Sicht der Schlüssel für eine Quantum-sichere und cyber-resiliente Zukunft.
Über Verena Zimmermann
Prof. Dr. Verena Zimmermann ist Assistenzprofessorin am Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften und forscht an der Schnittstelle von Mensch und Technologie – insbesondere im Bereich Cybersicherheit.

Quantum-safe beim Swiss FS-CSC
Auch das Swiss FS-CSC befasst sich mit dem Thema Quantum-safe. Zu diesem Zweck wurde innerhalb des Chapters Technology, Innovation and Supply Chain die Arbeitsgruppe Quantum-safe gegründet. Die Arbeitsgruppe bringt Cyber-Security-Expertinnen und -Experten aus Mitgliedsinstituten zusammen und wird vom Bund unterstützt. Sie beobachtet die Entwicklungen rund um Quantencomputer und deren Auswirkungen auf den Finanzsektor und bietet eine Plattform für den Erfahrungsaustausch zwischen den Mitgliedsinstituten. Zudem ist die Arbeitsgruppe daran, einen Leitfaden zur Quantum-Resilienz für den Schweizer Finanzplatz auszuarbeiten.